Eine Gesellschaft von in zunehmendem Maße emanzipierten Menschen beansprucht immer stärker auch die Teilhabe an der Gestaltung ihrer gebauten Umwelt. Ziel dieser Arbeit ist es, eine neue Form der Nutzerpartizipation am architektonischen Entwurf zu konzipieren, zu praktizieren und begleitend wissenschaftlich zu reflektieren. Sie gliedert sich in einen theoretischen und einen empirischen Teil. Der theoretische Teil basiert auf einem vielfältigen Literaturstudium und Interviews. Der empirische Teil reflektiert die theoretischen Untersuchungen anhand von eigens konzipierten, durchgeführten und nachbereiteten Seminarübungen sowie Fallbeispielen aus dem von der Verfasserin initiierten Studienprojekt „Die Baupiloten“ sowie ihrer Architekturpraxis.

Aus der theoretischen Auseinandersetzung konnten drei Thesen abgeleitet werden, die im Weiteren empirisch untersucht wurden:
These 1: Partizipative Entwurfsstrategien brauchen die Kommunikation über Raumatmosphären und deren Qualitäten zur Schaffung und zur Sicherung einer Identität stiftenden Architektur.
These 2: Die Kommunikation über Atmosphären sichert die Rückkopplung im Entwurfsprozess mit dem Nutzer.
These 3: Die Kommunikation über Atmosphären öffnet dem Architekten die Wunschwelt des Nutzers. Diese Erkenntnis versetzt ihn in die Lage, diese Wünsche zu abstrahieren und zu modifizieren und den rationalen Anforderungen der Richtlinien, Bestimmungen und Budgetforderungen ohne Substanz- und Identitätsverlust anzupassen.

Die empirischen Untersuchungen gliedern sich in propädeutische Übungen und in Fallbeispiele. Mit Studierenden wurde in propädeutischen Übungen an fiktiven Projekten und in Einzelaspekten empirisch untersucht, wie atmosphärische Raumqualitäten wahrgenommen, analysiert, erfasst, dokumentiert und unter Architekten, Studierenden der Architektur sowie Architekturlaien kommuniziert werden können. Ganzheitlicher konnten die aufgestellten Thesen an Baumaßnahmen oder Gutachten mit eigens dafür konzipierten Partizipationsprozessen untersucht werden. Für die Partizipationsprozesse wurden Bausteine konzipiert, die je nach Problemlage eingesetzt, modifiziert und ergänzt wurden: Alltagsprotokolle halten Erkenntnisse aus den Beobachtungen von Handlungsabläufe oder Rituale der Benutzung fest. Sie bilden eine faktische Entwurfsbasis und geben den Entwerfenden außerdem ein Gefühl für die Nutzer und deren Alltag.

Ein wichtiger Baustein des Partizipationsprozesses ist der Initialworkshop. Nach einer auf die Baumaßnahme abgestimmte Aufgabenstellung erarbeiten die Nutzer spielerisch atmosphärische Wunschwelten. Dabei ist für den Erfolg des Workshops entscheidend, dass die Teilnehmer sich aus ihren Alltagswelten heraus begeben und sich mit möglichst freier Inspiration ihren tatsächlich und vielleicht unbewussten Wunschvorstellungen öffnen.

Ein nächster wichtiger Schritt ist die Reaktion der Entwerfenden auf die Workshopergebnisse und die Rückkopplung ihrer Ideen mit den Nutzern. Eine wesentliche Rolle spielt dabei die gegenseitige Vermittlung der von den Nutzern gewünschten und der von den Entwerfenden konzipierten Raumatmosphäre mit wiederum atmosphärisch wirksamen Instrumenten und Methoden. Ziel dieses Rückkopplungsprozesses ist zunächst die Verständigung auf eine gemeinsame Fiktion oder Geschichte, aus der sich schrittweise das architektonische Konzept heraus kristallisiert. Aus dem so abgeleiteten architektonischen Konzept entwickeln die Entwerfenden in einer immer weiter verfeinerten Rückkopplung, die architektonische Entsprechung der Nutzer-Wunschwelten im Rahmen der programmatischen, funktionalen, technischen und ökonomischen Anforderungen der Baumaßnahme. Der Entwurf entsteht unter Teilhabe der Nutzer im Spannungsfeld zwischen Fiktion und Realität.

Die empirische Untersuchung konnte die aufgestellten Thesen bestätigen. In jedem der aufgezeigten Schritte spielten die Kommunikation über Atmosphären und/oder Atmosphären als Kommunikationsmittel eine wichtige Rolle. Aus den mit dieser Arbeit gewonnenen Erkenntnissen ergaben sich auch neue Perspektiven für die Forschung, Lehre und Berufspraxis. Die partizipatorische Arbeit sollte in der Berufspraxis von Architekten als eine erweiterte Grundlagenermittlung angesehen werden und entsprechend im Leistungsbild der Honorarordnung verankert werden. Für eine so veränderte Entwurfshaltung sollte auch das Wesen von Architekturwettbewerben reformiert werden.

Für die Lehre partizipativer Entwurfsstrategien im Architekturstudium ist der Praxisbezug unabdingbar. Aus dem Ansatz des forschenden Entwerfens (Design by Research / Research by Design) ergibt sich auch eine Perspektive für die Entwurfsforschung. Dieser Entwurfsansatz impliziert einen interdisziplinären reflexiven Arbeitsansatz, der die oft gewünschte wissenschaftliche Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen nahe legt. Dabei kann es sich sowohl um eine Forschung im Verbund mit als auch um eine evaluierende Begleitung des architektonischen Entwurfs durch relevante Disziplinen handeln.

Informationen: www.baupiloten.com

Kontakt: Susanne Hofmann: hofmann@baupiloten.com