Die produktive Provinzstadt

Provinz – strukturschwach, schrumpfend, rückständig und engstirnig. So ungefähr liest sich die Ansammlung von pejorativen Zuschreibungen, mit denen ländliche Räume seit Beginn der Industrialisierung und dem Beginn ihres zunehmenden Bedeutungsverlusts in den europäischen Staaten charakterisiert wurden und werden. Mit der Konzentration auf eben diese ländlichen Räume und dem etwas provokativ genutzten Begriff der Provinzstadt soll der Versuch unternommen werden, sich theoretisch und im planerisch-städtebaulichen Kontext explizit auf kleinere Städte in peripheren Räumen jenseits normativer Setzungen, Typisierungen der Raumbeobachtung und polarisierender Zuschreibungen zu fokussieren.

Im Zentrum steht die Frage, welchen produktiven Input dieser Typus ländlicher Räume und seine kleineren Städte heute für die Entwicklung unserer europäischen Gesellschaften des 21. Jahrhunderts geben kann. Dabei gilt es einerseits ihre historische Gewordenheit zu betrachten:

  • Wie haben sich bspw. ländliche Räume und ihre Provinzstädte im vergangenen 19. und 20. Jh. im Verhältnis zu den Städten in den agglomerierten Räumen entwickelt?
  • Welche Bedeutungsverschiebungen und raumstrukturellen Veränderungen haben Industrialisierung, gesellschaftliche Transformationsprozesse als auch die raumpolitischen Leitbilder des 20. Jh. für die strukturellen, wirtschaftlichen und sozialkulturellen Gegebenheiten gehabt?

Wie wird Provinzstadt gemacht?

Formale Beteiligungsprozesse reichen nicht aus, um die neuen Gestaltungsherausforderungen der gegenwärtigen Gesellschaften zu bewältigen – darin besteht Einigung in der planerischen Fachwelt. Also wäre zum einen zu fragen, wie Planungskulturen und Prozessqualitäten in den ländlichen Kleinstädten zu gestalten sind und welche experimentellen Planungsverfahren neu entwickelt werden müssen. Wie können unterschiedliche Zielgruppen Teil dieser Planungsverfahren werden und wie müssen diese – z.B. auch im Hinblick auf die Beteiligung von Geflüchteten – angepasst und handlungsorientierter ausgerichtet werden?
Gleichzeitig ist deutlich geworden, dass auch die interkommunale Kooperation zwischen den Städten in ländlichen Räumen wesentlich verstärkt werden muss, um Vernetzungen zu optimieren und arbeitsteilig den infrastrukturellen Ansprüchen gerecht werden zu können. Zu fragen ist, welche Voraussetzungen dafür erfüllt werden müssen, welche Akteure einbezogen werden sollten, ob auch zivilgesellschaftlich-partizipatorische Prozesse auf interkommunaler Ebene denkbar sind und wie das Management solcher interkommunalen Kooperation ausgestaltet sein muss.

Etablierung von alternativen Wohn- und Lebensformen in Provinzstädten 
Visionen einer Degrowth-Gesellschaft – Relokalisierung der Wirtschaft, gerechte Verteilung von Arbeit, Einkommen und Ressourcen
Wohnen, Leben und Arbeiten jenseits städtischer Agglomerationen
Zivilgesellschaftliches Engagement für eine Sicherung und Verbesserung der Infrastrukturversorgung
Kleinstädte in ländlichen Räumen als gesellschaftliche Lernlabore
Entwicklungs- und Transformationsprozesse durch Akteursgruppen: Jugendliche, Kreative, Raumpioniere, Studierende, Geflüchtete etc.
Interkommunale Kooperation zwischen den Städten in ländlichen Räumen
Ländlich-periphere Räume als Standorte von Weltmarktführern bzw. branchenspezifischen Clustern 

Das aus Mitteln der Nationalen Stadtentwicklungspolitik geförderte Projekt "Fachlicher Nachwuchs entwirft Zukunft" will aktuelle Forschungsfelder der Stadtentwicklungspolitik mit den Gedanken angehender Planer und Gestalter an den Universitäten und Hochschulen zusammenbringen.