Die Neo-Europäische Stadt

Die Leipzig Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt wird im kommenden Jahr zehn Jahre alt. Das Papier wurde im Mai 2007 von den für Stadtentwicklung zuständigen Ministerinnen und Ministern aller Mitgliedstaaten der Europäischen Union anlässlich eines informellen Treffens in Leipzig unterzeichnet. Im Fachdiskurs spielte die Leipzig Charta eine eher nachgeordnete Rolle. Dagegen stellte sie im politischen Raum eine wichtige Benchmark für die Etablierung integrierter Stadtentwicklung dar. Ein wesentlicher Punkt der Charta war die Selbstverpflichtung der Ministerinnen und der Minister in ihren Mitgliedsstaaten eine Initiative zu starten, „wie die Grundsätze und Strategien der Leipzig Charta (…) in nationale, regionale und lokale Entwicklungspolitiken integriert werden können“. In Deutschland ist daraus die Initiative der Nationalen Stadtentwicklungspolitik hervorgegangen. Das Jubiläum bietet einen guten Anlass sich aus der Perspektive des fachlichen Nachwuchses kritisch mit der Leipzig Charta auseinanderzusetzen, mit dem übergeordneten Ziel, die Ergebnisse der gemeinsamen Reflexion auf dem 11. Kongress der Nationalen Stadtentwicklungspolitik zu präsentieren. Dieser wird voraussichtlich im Juni 2017 in Hamburg stattfinden.

Space matters – Stadtentwicklung als
zentrales politisches Handlungsfeld

Die Leipzig Charta war der Versuch, das Primat der Nachhaltigkeit gesamteuropäisch vorzudenken, auf nationaler Ebene zu verankern und auf lokaler Ebene mit dem Instrument der integrierten Stadtentwicklung umzusetzen. Zusammen mit der zeitgleich verabschiedeten Territorial Agenda of the European Union zielte sie außerdem darauf ab, die Stadt als Territorium von besonderer Bedeutung für Wirtschaft und Wachstum im Bewusstsein anderer Fachpolitiken und Ministerien zu verankern. Stadtentwicklungspolitik sollte demnach als zentrales politisches Feld und als Schlüssel für eine positive Gestaltung gesellschaftlicher und ökonomischer Transformation etabliert werden. Mit der Charta wurde auch das Leitbild der nachhaltigen europäischen Stadt eingeführt, die in ihrem Subtext eine sozial und sektoral integrierte Stadt repräsentiert sowie eine proklamierte Stadt, die sich in Form von politischen Leitlinien selbst verpflichtet. Mit dem Begriff der europäischen Stadt wird in diesem Kontext Bezug auf das europäische Städtenetz und die gemeinsame Historie genommen.

 

Im Gegensatz dazu stehen im spezifischen deutschen Diskurs hinter diesem Leitbild die kompakte, sozial- und nutzungsgemischte Stadt der kurzen Wege, gekoppelt mit dem städtebaulichen Paradigma traditioneller Stadtstrukturen. Ausgehend von der IBA Berlin (1987), in der die behutsame Stadterneuerung sowie die Rekonstruktion als Instrumente eingeführt wurden, hat diese Linie im weiteren Diskurs historisierende Züge der „Stadtbaukunst“ und der städtebaulichen Rekonstruktion angenommen. Es stellen sich zwei Fragen:

  • Ist es gelungen, die planenden Disziplinen aus ihrem Nischendasein herauszulösen und Stadtentwicklung als zentrales Politikfeld zu etablieren? 
  • Trägt das formulierte Leitbild auch heute noch und wie lässt sich der Konflikt mit dem davon abweichenden deutschen Diskurs klären oder haben Leitbilder in unserer zunehmend komplexen, unwägbaren Zeit generell ausgedient?
Leipzig Charta revisited

Die Frage, wie eine Charta der integrierten Stadtentwicklung heute und für die Zukunft aussehen sollte, welche Themen und Inhalte darin enthalten, welche Schwerpunkte gesetzt werden sollten, nimmt das Projekt “Fachlicher Nachwuchs entwirft Zukunft” zum Ausgangspunkt und entwirft mit den Studierenden die neo-europäische Stadt. Die beteiligten Hochschulen wählen die Themenfelder für ihre Lehrveranstaltungen selbst. Jede Hochschule befasst sich mit einem anderen Schwerpunkt, um insgesamt ein möglichst breites Themenspektrum abzudecken. Das Leitbild der nachhaltigen europäischen Stadt bildet den Hintergrund für die kritische Auseinandersetzung mit den Metathemen, die in der Charta behandelt werden, um diese auf Aktualität und Zukunftspotential hin zu befragen:

Ausgeglichene räumliche Entwicklung auf Grundlage des polyzentrischen Städtesystems in Europa

Governancemodelle zur aktiven Einbindung privater & gesell- schaftlicher Akteure

Integrierte Stadtentwicklung als gesamtstädtische Strategie mit Aufhebung des sektoralen Denkens
Baukultur, als deutsche Erfindung, die das Planen und Bauen als Prozess von allen Beteiligten versteht
Der qualitätsvolle öffentliche Raum als Grundbedingung eines guten Lebens
Die gerechte Stadt, die Teilhabe garantiert und die Aufwertung benachteiligter Quartiere forciert
Die Wohnungsfrage zu lösen, mit angemessenem Wohnraum für alle in Zeiten der Urbanisierung
Aktive Innovations- und Bildungspolitik als bedeutender Teil der Stadtentwicklung

Ebenso können Themen in den Fokus rücken, die in der Charta nicht oder nur am Rande behandelt wurden, aber aus heutiger Sicht zu einem bedeutenden Thema der integrierten Stadtentwicklung geworden sind. In den zehn Jahren der Charta sind neue Themen der Stadtentwicklung hinzugekommen. Folgende Themen haben an Aktualität und Relevanz gewonnen, um die europäische Stadt von einer neuen Perspektive kritisch zu hinterfragen:

Smart Cities und Big Data, also die Auswirkungen der IT-Technologien auf Städte
Städtewachstum und Schrumpfungsprozesse im ländlichen Raum als Indiz für regionale Polarisierung (Trotz „Cohesion Strategy“ der „Territorial Agenda“)
Neue Ökonomien wie Share-Economy, Industrie 4.0 oder E-Commerce
Sanftere Formen der Stadtentwicklung wie die selbstgemachte Stadt, Zwischennutzung und alternative Wohn- und Finanzierungsmodelle
Resilienz und Subsistenz als kleinere Schwestern der Nachhaltigkeit
Unerwartete Herausforderungen wie die Auswirkungen der Weltfinanzmarktkrise und Niedrigzinspolitik der EZB auf den Wohnungsmarkt
Potentiale des neuen Mobilitätsverhaltens und Mobilitätstechnologien
Zuwanderung und kriegsbedingte Migration, und Auswirkung auf die Nutzung und Gestaltung der öffentlichen Räume in Europa

Das aus Mitteln der Nationalen Stadtentwicklungspolitik geförderte Projekt "Fachlicher Nachwuchs entwirft Zukunft" will aktuelle Forschungsfelder der Stadtentwicklungspolitik mit den Gedanken angehender Planer und Gestalter an den Universitäten und Hochschulen zusammenbringen.